Ein 10. DAN im Kempo ist lächerlich!

Ein 10. DAN ist lächer­lich! Zu hohen DAN-Gra­den im Shao­lin Kem­po hat Wital­li Rein­gard, Trai­ner des Lung Chu­an Fa Kem­po, 3. DAN, sei­ne ganz eige­ne Meinung.
War­um der (zum Zeit­punkt des Inter­views 2015) 32-jäh­ri­ge Sen­s­ei sei­ne eige­ne Prü­fung zum 4. DAN abge­sagt hat, wo sei­ne Wur­zeln sind und wie er sich wei­ter ori­en­tiert, ver­rät er uns im Interview.

DSC_0283

Steck­brief
Name: Wital­li Reingard
Stil: Lung Chu­an Fa Kempo
Grad: 3. DAN Kem­po, 1. DAN Kickboxen
wohnt in: Hamburg
trai­niert bei: momen­tan ohne Dojo

Wann hast Du mit dem Kampf­sport angefangen?

Mit 8 Jah­ren habe ich in Kir­gi­stan mit Sho­to­kan Kara­te ange­fan­gen. Mit 10 bin ich in Deutsch­land ange­kom­men und habe einen 3/4 Jahr spä­ter mit dem Kem­po­trai­ning angefangen.

Wer waren Dei­ne Trai­ner, wer hat Dich in Sachen Kem­po geprägt? Woher kom­men Dei­ne Einflüsse?

Mei­ne ers­ten Kem­po Trai­ner waren Marc Richards und sein Trai­ner­team. Spä­ter wur­de ich auch von ande­ren Höher­gra­du­ier­ten trainiert.

Beschrei­be bit­te kurz, wel­che Sta­tio­nen Dein Kampf­sport­le­ben bis­her hatte.

Um das eini­ger­ma­ßen zusam­men­zu­be­kom­men, müss­te ich in einer der Umzugs­kis­ten nach dem Hau­fen Urkun­den suchen 😉
Im Kem­po habe ich den Schwarz­gurt gemacht, war danach beim Bund und habe zeit­wei­se die August­dor­fer Kem­po­ka unter­stützt. Bis dahin hat­te ich eini­ge Erfol­ge auf loka­ler und natio­na­ler Ebe­ne in den Dis­zi­pli­nen Kata und Waf­fen­ka­ta vor­zu­wei­sen. In mei­ner Pader­bor­ner Stu­di­en­zeit habe ich einer­seits in Kal­le­tal unter­rich­tet und habe sonst zwei Mal die Woche 3 bis 4 Stun­den Capoei­ra trai­niert. Dadurch habe ich deut­lich an Dyna­mik und Fle­xi­bi­li­ät gewon­nen, wel­che mir vor allem in mei­nen spä­ter fol­gen­den Kon­takt­kämp­fen her­vor­ra­gen­de Diens­te geleis­tet haben.
Dann kam die Zeit in Müns­ter und im Kem­po­kai. Das Ange­bot der Kampf­sport­schu­le war per­fekt. Man konn­te jeden Tag trai­nie­ren und zwar Shao­lin Kem­po, Kick­bo­xen und Tae­kwon­do. So war ich 4 von 5 Tagen beim Trai­ning und erfreu­te mich einer­seits an dem recht tech­nisch-ori­en­tier­ten Kem­po-Trai­ning von Cars­ten Just und ande­rer­seits am fit­ness­las­ti­gen Kick­bo­xen. Das Tae­kwon­do­trai­ning bil­de­te qua­si das Sah­ne­häub­chen und befrie­dig­te mei­nen Traum vom High­ki­cking. Mei­ne Capoei­ra­er­fah­run­gen hal­fen mir dabei, stets unver­letzt aus dem Trai­ning zu gehen.
Eini­ge Jah­re spä­ter leg­te ich bei Cars­ten die Prü­fung zum 3. DAN ab und konn­te sogar im Kick­bo­xen mei­nen 1. DAN machen. In der Zwi­schen­zeit hat­te ich bereits etli­che Kick­box- und Kem­po­trai­nings ver­tre­tungs­wei­se gelei­tet und konn­te so mei­ne “trai­ne­ri­schen Fähig­kei­ten” durch die oft wech­seln­de Schü­ler­schaft deut­lich erweitern.
Die­se Kennt­nis­se gab ich stets an mei­ne Schü­ler in Kal­le­tal wei­ter. An Wett­kämp­fen nahm ich haupt­säch­lich im Kick­bo­xen teil und ent­deck­te den Spaß am Halb- und Voll­kon­takt­kämp­fen, die sich deut­lich vom Semi­kon­takt unter­schie­den, mir aber auch deut­lich mehr Spaß berei­te­ten. Bedingt durch einen Trai­ner- und Phi­lo­so­phie­wech­sel im Kem­po­kai such­te ich nach Alter­na­ti­ven und habe mich durch Sys­te­ma, Wing Tsun, Kung-Fu und vie­le wei­te­re Kampf­sport­ar­ten durch­pro­biert, fand aber nie den Spaß, den ich am Kem­po­trai­ning hat­te. So beschloss ich, etwas Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und fand mei­nen Spaß am Renn­rad­fah­ren, spä­ter auch am Laufen.
Nach dem Umzug nach Stral­sund fehl­te mir bis dato die Zeit, um in Sachen Kampf­sport Anschluss zu fin­den. Dies ist aber in Arbeit 😉

Lieb­lings­tech­nik? Lieblingswaffe?

Alle gesprun­ge­nen High­kicks & Mawa­shi Empi Uchi.

Zu einem anstän­di­gen Trai­ning gehört …

Ein Plan des Trai­ners und ein Ziel. Nur so kann eine Moti­va­ti­on gewähr­leis­tet wer­den und eine suk­zes­si­ve Ver­bes­se­rung ist möglich.

Nach einem anstän­di­gen Trai­ning soll­te man …

… mit dem Part­ner die blau­en Fle­cken zäh­len 😉 Und dar­über nach­den­ken, wie­so das Trai­ning anstän­dig war, was bedeu­tet, dass es auch “nicht anstän­di­ge Trai­nings” gibt, wie­so es sol­che gibt und wie man jene redu­zie­ren kann.

Du hast im Früh­jahr über­ra­schend Dei­ne Prü­fung zum 4. DAN abge­sagt. Was war der Grund?

Ich hat­te die Prü­fung fest vor, habe mich mehr als neun Mona­te inten­siv vor­be­rei­tet. Dann habe ich beim Ver­band Sei­bu­kan, in dem der Budo SV Kal­le­tal ja auch ist, gefragt, ob sie ein Prü­fungs­ko­mi­tee für mich hät­ten. Hat­ten sie, außer­dem wur­de ich auf ein Vor­be­rei­tungs­se­mi­nar für DAN-Trä­ger ein­ge­la­den. Für mich etwas über­ra­schend kam dann auf ein­mal ein neu­er, sehr hoher DAN-Trä­ger ins Spiel, der auf ein­mal im Ver­band eine Stim­me hat (Man­fred Lee Rosen, 10. DAN Rus­si­an Kem­po Kara­te; Anm. d. Red.). Ich kann­te den Her­ren nicht und habe bis heu­te eigent­lich kei­ne Ahnung, woher er kommt und was er vor­her gemacht hat.
Bei die­sem Vor­be­rei­tungs­se­mi­nar soll­te dann “gesich­tet” wer­den. Doch wie kann man in einer vol­len Turn­hal­le, und die war wirk­lich voll, tat­säch­lich beur­tei­len, was ein ein­zel­ner Prü­fungs­an­wär­ter wirk­lich drauf hat? Ich bin da sehr skeptisch.

Doch absurd wur­de es für mich, als einem der Mit-Prüf­lin­ge, einem älte­ren DAN-Trä­ger (Heinz-Josef Köring, Stein­heim, Anm. d. Red), völ­lig über­ra­schend auf die­sem Lehr­gang schon der nächs­te DAN-Grad ver­lie­hen wur­de. Der hät­te das bestimmt auch ohne die­se ziem­lich zwei­fel­haf­te “Ehrung” geschafft. Und das mit einer mega-alber­nen Rede als Begrün­dung. Da habe ich dann ent­schlos­sen, die Prü­fung abzusagen.

Wie geht es jetzt weiter?

Ganz ehr­lich: kei­ne Ahnung. Ich bin echt ent­täuscht von die­ser Kampf­sport­sze­ne. Die­se gan­zen künst­li­chen und absurd hohen DAN-Gra­de sind doch lächer­lich. Wie kann jemand einen 10. DAN errei­chen und dann noch hohe DAN-Gra­de in ande­ren Küns­ten haben? Die­se Ver­ga­be- und Ver­leih-Num­mer ist gera­de im Sei­bu­kan und im Shao­lin Kem­po und drum­her­um gang und gäbe, dabei sinkt das Niveau oder geht ganz ver­lo­ren. Bei kei­ner DAN-Prü­fung fällt jemand durch. Es wird lus­tig hin und her ver­lie­hen, in komi­schen Orga­ni­sa­tio­nen, die dann gegen­sei­tig aner­kannt wer­den. Manch­mal gewürzt mit dem einen oder ande­ren 100er. Erst wird dann noch in der Sze­ne geläs­tert, doch Kon­se­quen­zen gibt es nicht, und nach weni­gen Wochen kräht kein Hahn mehr danach. Da stimmt doch was nicht. Bis zum 2. oder 3. DAN ist es ja okay, wenn vor allem das Sport­li­che im Vor­der­grund steht, aber wo bleibt dabei eigent­lich das Geis­ti­ge? Wo bleibt die Beschäf­ti­gung mit den Hin­ter­grün­den des Stils, mit dem War­um? Mit der eige­nen Reflektion?
So wird der DAN nur noch zur Kulis­se nach außen. Man erwirbt die Berech­ti­gung, sei­ne Schü­ler wei­ter zu prü­fen. Aber dann könn­te man auch Kar­ten abknip­sen oder Anwe­sen­heits­lis­ten abha­ken. Das kann man nicht mehr wirk­lich ernst neh­men, wenn man noch was im Kopf hat! Das macht doch kei­ner mehr mit … Ich jeden­falls nicht.

Was machst Du aktu­ell? Und wann sehen wir Dich im Kal­le­tal mal wieder?

Aktu­ell bin ich selbst­stän­di­ger IT-Dienst­leis­ter (SEO, Mar­ke­ting, Web­de­sign), baue mit einem Bekann­ten eine Fir­ma auf und ste­cke bis zum Hals im Kaf­fee­bar­pro­jekt mei­ner Lebens­part­ne­rin Lui­se (coffifee.de).

Die­ses Jahr schaf­fe ich es wohl nicht mehr nach Kal­le­tal. Aber im nächs­ten Jahr bin ich bestimmt mal wie­der in mei­ner alten Hei­mat und wer­de genü­gend Zeit ein­pla­nen, um auch in Sachen Kampf­sport aktiv zu werden.

Nachtrag

Das Inter­view ist 2015 geführt wor­den. Mitt­ler­wei­le lebt Wital­li in Ham­burg, ist nach wie vor kom­plett sport­ver­rückt und trai­niert unter­schied­li­che Kampfkunststile.
Wital­lis Blog

Kommentare

  1. Jochen Siekmann Antworten

    Im Grund­satz hat Wital­li recht und Respekt für sei­ne Ent­schei­dung den 4.Dan nicht abzu­le­gen! Nur soll­ten nicht alle Stil­ar­ten v. Shao­lin Kem­po über einen Kamm geschert wer­den! Wir haben z.B. teil­wei­se in 3 Ver­bän­den unse­re Dan-Prü­fun­gen abge­legt und v. Anspruch sehr hoch. Hier lege ich auch heu­te noch sehr viel Wert darauf.
    (Die­se Ver­ga­be- und Ver­leih-Num­mer ist gera­de im Sei­bu­kan und im Shao­lin Kem­po und drum­her­um gang und gäbe, dabei sinkt das Niveau oder geht ganz ver­lo­ren.) Osu Jochen Siek­mann 5th Dan (Prü­fung in 3 Verbänden)

  2. Pingback:Stock und Stilrichtung - Kempoka

Kommentieren

Your email address will not be published.