Ist Weglaufen immer erste Wahl?

Ist Weg­lau­fen immer ers­te Wahl? Eine Fra­ge, die mich schon Jah­re umtreibt. Kampf­kunst und Selbst­ver­tei­di­gung sind eigent­lich eins. Die Nutz­bar­keit und Über­prü­fung eige­ner Tech­ni­ken auf ihren Sinn und Nut­zen in einer fik­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung ist ein Dau­er­the­ma. Ich habe das gro­ße Ver­gnü­gen, dabei mit Exper­ten aller­ers­ten Ran­ges zu trai­nie­ren und bei Ihnen Mäus­chen zu spie­len, ob im regel­mä­ßi­gen Trai­ning oder auf Semi­na­ren. Doch immer, wenn es um die Ein­füh­rung in das The­ma geht, fällt irgend­wie zwangs­läu­fig der Satz: “Weg­ren­nen ist immer die bes­te Ver­tei­di­gung.”

Selbstverteidigung 01
Beim SV-Trai­ning

Und jedes­mal sehe ich alle nicken und die­ser Aus­sa­ge zustim­men. “Wir sind eben alle kei­ne Schlä­ger.” Bei mir den­ke ich aber immer: Nö! Ich bin auch kein Schlä­ger. Aber ich renn ganz ungern weg. Das hat nichts mit mei­ner Lang­sam­keit zu tun (maxi­mal ein wenig …) oder mit einer unter­ent­wi­ckel­ten und um Aner­ken­nung kämp­fen­den Per­sön­lich­keits­struk­tur (hof­fe ich wenigs­tens …). Ich bin nur immer wie­der in Situa­tio­nen gera­ten, in denen ich es rich­tig fand, eben genau NICHT weg­zu­lau­fen, son­dern sogar eher hin­zu­schau­en und not­falls auch in einen Kon­flikt zu gehen. Daher die fol­gen­den Gedan­ken.

Natür­lich sind die rund zehn Jah­re, in denen ich in Ham­burgs Bars und Knei­pen oder an der Tür gejobbt habe, nicht ganz unschul­dig. Da erlebt man schon ne gan­ze Men­ge auch unge­wöhn­li­cher Din­ge. Nor­ma­le Zech­prel­ler hab auch ich nur fest­ge­hal­ten. Die wenigs­ten armen Schlu­cker wer­den rabi­at, wenn man sie schnappt. Wur­den sie jedoch aggres­siv, reich­te meist ein Schüt­teln, um für Ruhe zu sor­gen und die Situa­ti­on zu klä­ren. Dafür braucht man kei­ne Kampf­kunst, son­dern nur den Wil­len, sich in die­ser Situa­ti­on durch­zu­set­zen. Der war da, weil ich mich im Recht fühl­te.

Ein ande­res Kali­ber sind Eigen­tums­de­lik­te. Ich sehe halt ein­fach mal hin, wenn mir etwas Unge­wöhn­li­ches auf­fällt. Wer sitzt da im Auto mei­nes Kum­pels? Der ist doch noch am Arbei­ten? Und tat­säch­lich — da ver­such­te doch jemand, aus der alten Kar­re auch noch das Auto­ra­dio zu klau­en. Also den Typen aus dem Auto gezo­gen, ihn sanft Rich­tung mei­ner dama­li­gen Arbeits­stät­te bug­siert und dort mei­nem Kum­pel “vor­ge­stellt”. Als der die Poli­zei rufen woll­te, ging der erwisch­te Blöd­mann doch tat­säch­lich mit einem Schrau­ben­zie­her auf mich los. Blö­de Idee. Für ihn …

Ich habe zur dama­li­gen Zeit in einem Ham­bur­ger Schre­ber­gar­ten gewohnt. Nachts, wenn ich vom Job nach Hau­se kam, waren alle Wege stock­dun­kel. Da ist es doch komisch, wenn am Gar­ten­zaun des Nach­barn zwei Typen ste­hen und offen­sicht­lich Din­ge aus- oder ein­bud­deln. Mir war es ziem­lich schnup­pe, was die ver­bud­delt haben — in Schre­ber­gär­ten wird dau­ernd ein­ge­bro­chen. Also habe ich die bei­den ohne gro­ße Dis­kus­sio­nen, aber ganz zahm vom Gar­ten­ge­län­de geführt und sie nach Hau­se geschickt. Erst am nächs­ten Tag stell­te sich raus, dass sie ihre zwei Beu­tel Hero­in beim über­has­te­ten Auf­bruch haben lie­gen las­sen. Gefähr­lich? Kei­ne Ahnung, aber soll­te ich pfei­fend des Nachts an den Typen vor­bei­ge­hen und sie im Gar­ten mei­nes älte­ren Nach­barn rum­ham­peln las­sen?

Über­haupt Schre­ber­gar­ten — auch mei­ner war das Ziel von Lang­fin­gern. Beim ers­ten­mal war ich aller­dings zu Hau­se und bin nachts auf­ge­wacht mit dem Gedan­ken, war­um die blö­den Kat­zen denn neben­an so einen Rabatz machen. Also kurz aus dem Bett, Tür auf, da steht ein Typ vor mir. In mei­nem Haus! Über­legt hab ich erst, als ich gese­hen hat­te, dass die Haus­tür sperr­an­gel­weit offen stand. Da lag der Kerl aller­dings schon und ich war vor­be­rei­tet auf sei­ne Kum­pel. Kamen aber nicht. Dafür die Poli­zei. Und ein paar Wochen spä­ter dann sogar eine Belo­bi­gung vom Ham­bur­ger Poli­zei­prä­si­di­um. Für Zivil­cou­ra­ge und so. Hat­te aber nix mit Mut zu tun, denn über­legt hat­te ich ja gar nicht. Und aus­ge­sucht hab ich mir die Situa­ti­on auch nicht.

Wewelsburg 113
Auch eine Legen­de: High­kicks eig­nen sich nicht zur rea­len Ver­tei­di­gung …

Ich könn­te jetzt noch eine Wei­le wei­ter­erzäh­len, von Auto­auf­brü­chen, Fahr­rad­klau, Frau­en beläs­ti­gen, Aus­län­der bedro­hen — ähnelt sich aber alles. All die­se Din­ge sind mir nicht pas­siert, weil ich mich wil­lent­lich in merk­wür­di­ge und gefähr­li­che Situa­tio­nen bege­ben und die Aus­ein­an­der­set­zung gesucht habe. Ich lau­fe nicht des Nachts durch dunk­le Gas­sen und laue­re auf Böse­wich­ter. Sie sind pas­siert, weil ich ein­fach nicht weg­ge­schaut habe.

Das ist weder mora­lisch und ethisch beson­ders vor­bild­lich noch hel­den­haft. Son­dern wahr­schein­lich ein Ergeb­nis mei­ner Erzie­hung und Prä­gung. Fuß­ball­hoo­li­gans und Mob find ich schei­ße, Faschos sowie­so, und ich darf behaup­ten, auch kein Pro­blem mit mei­nem eige­nen Aggres­si­ons­po­ten­ti­al zu haben. Ich kann nur Gewalt gegen Schwä­che­re nicht aus­ste­hen. Und ich habe die Fähig­keit, mich dort, wo ich Unrecht sehe, zu behaup­ten.

Ich emp­fin­de es nicht als fei­ge, wenn ich oder ande­re weg­lau­fen. Es liegt mir fern, dar­über zu urtei­len, ob eine Kon­flikt­ver­mei­dung mora­lisch okay ist. Ich möch­te eigent­lich gar nicht über das Ver­hal­ten ande­rer in Bezug auf Aus­ein­an­der­set­zun­gen urtei­len, solan­ge sie nicht die Aggres­so­ren sind. Was ich für mich aber in all den Jah­ren gelernt habe, ist, dass ich für mich eine Ver­ant­wor­tung spü­re, an unrech­ten Situa­tio­nen nicht ein­fach vor­bei­zu­lau­fen.

Vor­bild? Sicher nicht. Auch ich erzäh­le den Spruch vom Weg­lau­fen, wenn ich SV unter­rich­te. Doch Men­schen sind unter­schied­lich. Ich möch­te nur zum Nach­den­ken anre­gen, ob die­se Aus­sa­ge für uns Kampf­künst­ler tat­säch­lich immer und für jeden in jeder Situa­ti­on stimmt. Für mich stimmt sie nicht.

Kommentare

  1. Bablofil Antworten

    Thanks, gre­at arti­cle.

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