Kempo in der Karate-Falle?

Kem­po in der Kara­te-Fal­le? Was ist eigent­lich Kem­po? Genau­er: Shao­lin Kem­po. Die­se Fra­ge wird für mich immer span­nen­der. Je mehr ich dem Ursprung unse­rer Kampf­kunst ver­su­che, näher zu kom­men, des­to indo­ne­si­scher wird mir…

Das hat ganz wesent­lich mit mei­ner nun eini­ge Mona­te wäh­ren­den “Neben-Beschäf­ti­gung”, näm­lich dem Silat zu tun. Und mei­nem dor­ti­gen Leh­rer Niki Sand­rock. Wie schon erwähnt ist der näm­lich nicht nur ein exzel­len­ter Silat-Wis­sens­ver­mitt­ler, son­dern hat auch pro­fun­de Erfah­run­gen in phil­ip­pi­ni­schen Stock­kampf-Sti­len und vor allem eben­falls im Shao­lin Kem­po, und zwar genau in mei­nem Stil, dem Lung Chuan Fa Kem­po. Und wie wir bei­de ganz schnell fest­ge­stellt haben, bewe­gen uns ganz ähn­li­che Fra­gen. Ein­zi­ger Unter­schied: Niki ist mir in die­sen Din­gen unge­fähr zehn Jah­re an Zeit und Licht­jah­re an tech­ni­schem Kön­nen vor­aus. Silat_Kempo02

Kempo ist japanisch?

All­ge­mein wird ange­nom­men, dass die Wur­zeln des Kem­po „irgend­wie“ aus Chi­na über Oki­na­wa zu uns gelangt sind. Die japa­ni­schen Bezeich­nun­gen der Tech­ni­ken, die Eti­ket­te und auch der Name deu­ten ja stark dar­auf hin.
Bekannt ist auch, dass unser „Shao­lin Kem­po“ eine Mix­tur ist, die auf zwei Per­so­nen fußt, näm­lich Mei­jers und Faul­ha­ber. Bei­de aus Hol­land, lan­ge schon zer­strit­ten, ziem­lich unter­schied­lich in der Aus­füh­rung von Tech­ni­ken.

Ich sel­ber ham­pe­le jetzt schon ein paar Jähr­chen im Kem­po her­um. Um mei­ne beschei­de­nen Fähig­kei­ten zu ver­bes­sern und mehr über die Wur­zeln des Kem­po her­aus­zu­fin­den, habe ich mich unter ande­rem mit dem Oki­na­wa Kobu­do befasst und auch einen Ein­blick in das Sho­rin Ryu Kara­te bekom­men dür­fen. Alles abso­lut tol­le Sys­te­me, vor allem die vibrie­ren­de Hüf­te als Bewe­gungs­prin­zip schwer beein­dru­ckend.

Passt aber lei­der irgend­wie nicht so rich­tig ins Kem­po. Unse­re Bo-For­men etwa sind kom­plett anders und nahe­zu unver­ein­bar mit dem klas­si­schen Oki­na­wa-Kobu­do.
Und dazu kom­men unse­re Stil-eige­nen Kata. Die hei­ßen eben nicht Pin­an oder Heian oder Nai­han­chi, son­dern alle­samt Sai­fa oder Sifat. Und sind auch metho­disch kom­plett anders auf­ge­baut.Silat_Kempo05

Kempo ist chinesisch?

Seit eini­ger Zeit übe ich mich mitt­ler­wei­le zusätz­lich im Silat. Und irgend­wie „fühlt“ sich das deut­lich run­der an, wenn ich an Kem­po den­ke. Doch auch hier gibt es deut­li­che Wider­sprü­che. Wenn etwa Silat-Leu­te Tai Sabaki machen (Gel­lek), dann ste­hen sie im Gleich­ge­wicht mit einer Gewichts­ver­tei­lung von 50:50 auf bei­den Bei­nen. Mein „Kem­po-Gefühl“ bringt mich momen­tan immer wie­der in eine Kokutsu-Aus­weich­be­we­gung mit Gewicht auf dem hin­te­ren Bein. Hört sich tri­vi­al an, steht aber sämt­li­chen Fol­ge­tech­ni­ken ziem­lich im Weg und ist daher schlicht falsch. Und das ist nur ein Bei­spiel.

Na und, mag man jetzt den­ken. Selbst schuld, was turnst Du auch in ande­ren Sti­len rum, die machen es eben anders.

Doch wenn ich mir die Her­kunft der bei­den „Ahnen“ des Shao­lin Kem­po anschaue, dann sind das Indonesier/Malayen. Eben Sol­da­ten der hol­län­di­schen Besat­zungs­trup­pen in ihren alten Kolo­ni­en. Die haben zwar, als sie nach Hol­land umsie­del­ten, als Geschäfts­idee ihre Kampf­kunst für Frem­de ein wenig geöff­net und zu unter­rich­ten ange­fan­gen. Und um bes­ser kom­pa­ti­bel und erfolg­reich zu sein, dann zu japa­ni­schen Namen gegrif­fen. Der ers­te, der unser Kem­po in Euro­pa lehr­te, war der Indo­ne­si­er Carel Faul­ha­ber, der 1. Ser­geant bei den Streit­kräf­ten der nie­der­län­di­schen Besat­zungs­ar­mee war. Er brach­te sei­nen Fami­li­en­stil “Kun­tao Mat­jan” mit, als er und sei­ne Ange­hö­ri­gen die ehe­ma­li­gen Kolo­ni­en ver­lie­ßen und sich in Hol­land ansie­del­ten. Kun­tao Mat­jan wird beschrie­ben als ein Mix aus chi­ne­si­schen Kung Fu-Sti­len und dem Silat Süd­ost­asi­ens. Faul­ha­ber begann, sei­ne Kampf­kunst auch außer­halb der Fami­lie zu unter­rich­ten.

Wenn ich jetzt weiß, dass in Süd­ost­asi­en die Tra­di­ti­on der Fami­li­en-Sti­le und ‑geheim­nis­se noch immer einen hohen Stel­len­wert haben, dann fra­ge ich mich: Ist die­se gan­ze angeb­li­che Legen­de über Kem­po aus Shao­lin Chi­na und Oki­na­wa viel­leicht ziem­li­cher Quatsch? Ist es nicht viel wahr­schein­li­cher, dass „unser“ Kem­po auf eben die­sen indonesischen/südostasiatischen Kampf­sti­len beruht? Und dass unse­re Ori­en­tie­rung hin zum Kara­te und evtl. sogar zum Kung­Fu (Chuan Fa) in eine kom­plett fal­sche Rich­tung geht?Hakei 12

Kempo ist indonesisch!

Die süd­ost­asia­ti­schen Kul­tu­ren von den Phil­ip­pi­nen über Malai­en bis zu Indo­ne­si­ern haben eben­falls beacht­li­che zivi­li­sa­to­ri­sche Stu­fen lan­ge vor den Euro­pä­ern errun­gen, wenn auch nicht so domi­nant wie die Chi­ne­sen. Die hat­ten es gar nicht nötig, sich von Chi­ne­sen zei­gen zu las­sen, wie man sich gegen­sei­tig die Köp­fe ein­schlägt.

War­um mich das bewegt? Weil ich mer­ke, dass unse­re Sai­fas und unser gan­zer Stil irgend­wie nicht so rich­tig har­mo­nie­ren mit dem japa­ni­schen Main­stream der letz­ten 100 Jah­re.
Und wenn ich ganz all­ge­mein Kata als grund­le­gen­de Basis einer Kampf­kunst auf­fas­se (und das tue ich), dann bin ich eben auf dem Holz­weg, wenn ich ver­su­che, die japa­ni­schen Stän­de und Bewe­gun­gen zu per­fek­tio­nie­ren. Die gan­ze “Ein-Schlag-und-tot”-Nummer klappt beim Shao­lin Kem­po nicht rich­tig.

Dann müss­te ich fol­ge­rich­tig ver­su­chen, eher mehr Silat-Ele­men­te zu ent­de­cken. Und ich müss­te mich schlau­er machen, was es mit Faul­ha­ber und sei­nem Fami­li­en­stil Kun­tao Macan auf sich hat. Mal schau­en, was es in den Nie­der­lan­den noch für Kem­po­ka gibt, die viel­leicht einen ursprüng­li­che­ren Zugang zu den Quel­len des Kem­po haben. Gerald Mei­jers und Carel Faul­ha­ber trenn­ten sich jeden­falls 1965 wie­der. Mei­jers ent­wi­ckel­te sei­ne Fähig­kei­ten wei­ter in Rich­tung japa­ni­scher Kara­te­sti­le, vor allem dem Kyu­kus­hin­kai. Faul­ha­bers drei Söh­ne gin­gen eine Zeit­lang wei­ter in den Unter­richt des talen­tier­ten Kampf­künst­lers. Noch heu­te gibt es Schu­len, die ihre Wur­zeln bei die­sen Per­so­nen sehen.

Kampf­kunst ist nie zu Ende. Je mehr man weiß, des­to weni­ger weiß man. Je mehr man lernt, des­to mehr gibt es zu ler­nen. Je mehr man kann, des­to kla­rer wird einem, dass man ziem­lich wenig kann …

Geni­al! 

Silat_Kempo06
Teil­neh­mer des 1. Kem­po meets Silat-Semi­nars

 

Kommentare

  1. Eugen Borgenau Antworten

    Hal­lo Lutz! Dan­ke für dei­nen, wie immer, sehr infor­ma­ti­ven und gut geschrie­be­nen Bei­trag.
    Ich habe dir einen Link hier gefun­den, der dich evtl. bei dei­nen Recher­chen über Shao­lin Kem­po wei­ter bringt.

    https://issuu.com/hanshiolaf/docs/das_st__ndige_streben_nach_einigkei/0

    Freu­en mich auf ein bal­di­ges Wie­der­se­hen.

  2. henry Antworten

    Hal­lo,

    der Carel hat­te sowohl den “Kun­tao Macan” trai­niert (dies wur­de ihm bei­gebacht von ein chi­ne­si­schen Leh­rer, in Indo­ne­si­en) und auch “Puku­lan Silat”.

    Damit das “Kem­po” in den Nie­der­lan­den unter­rich­tet wer­den dürf­te,
    bräuch­te es japa­ni­sche (Kara­te Wur­zel) Einflüsse/Namen in der ein­zel­nen Tech­ni­ken.

    Lei­der war der Ein­fluss von Kara­te Aspek­ten zu groß, somit kann man in die­ser Zeit nur noch von Kem­po-Kara­te reden.

    Hier eine Inter­net­sei­te (aus den Nie­der­lan­den) http://www.kuntao-macan.nl wel­che ich euch emp­feh­len kann. (um Erfah­run­gen aus zu tau­schen) .

    Sport­li­chen Grü­ßen, OSSU!!

    • Eugen Borgenau Antworten

      Hal­lo erneut,

      also ich recher­chie­re auch seit 2013 nach den Wur­zeln des Shao­lin Kem­po und vor allem inter­es­siert mich der Bunkai der Katas. Bei mei­nen Recher­chen bin ich die­se Woche auf den You­tube Cha­nel von Phil­ip Davies (https://www.youtube.com/channel/UCnmApaFhW9DNgJh_Z5ApklQ)
      gesto­ßen. Er ist direk­ter Schü­ler von Richard Kud­ding und die­ser war direk­ter Schü­ler von C. Faul­ha­ber. Wenn man bei sei­nen Vor­füh­run­gen genau hin­schaut, da sieht man vie­le Par­al­le­len zu unse­ren Katas. Des­halb ver­mu­te ich das G.C. Mejers die­se Katas abge­wan­delt wei­ter gege­ben hat. Genau­so wie die Part­ner­übun­gen.
      Also ist der Ursprung des Shao­lin Kem­po defi­ni­tiv Kun­tao Macan und Kun­tao Macan ist eine Form des Süd­li­chen Tiger Kung Fu Stils. Und der Rest der Legen­de soll­te jedem Budo­ka bekannt sein.

      OSSU!

      Freue mich auf Dezem­ber und euren Lehr­gang in Kal­le­tal.

  3. Olaf Bock Antworten

    Osu,
    unter fol­gen­dem Link fin­det ihr die Ein­la­dung zu einem Semi­nar Shao­lin Kem­pô http://skkr.jimdo.com/seminars/

    Oss

  4. Olaf Bock Antworten

    Hal­lo, ich recher­chie­re schon sehr lan­ge nach den Wur­zeln des SK auch mit Hil­fe befreun­de­ter Kampf­kunst Leh­rer in Japan und Chi­na. Für mich war der Aus­gangs­punkt die Fra­ge, war­um hat Paat­je Faul­ha­ber 1959 sein Sys­tem Shao­lin Kem­po genannt und nicht z.B. Kem­po Kara­te. Shao­lin Kem­po wird in Japan nie­mals aner­kannt. Das ist erst ein­mal die wirk­lich span­nen­de Fra­ge bevor man an Inhal­te geht.

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